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Tartaria – Märchen oder vergessenes Riesenreich? (Verlorene Geschichte – Teil 1)

Das verschwundene Wort

Eine Karte aus dem Jahr 1570, gestochen von Abraham Ortelius. Quer über den Norden Asiens, dort, wo heute Sibirien, die Mongolei und Zentralasien liegen, steht ein einziges großes Wort: Tartaria. Es steht auf hunderten alten Karten – bei Mercator, bei Blaeu, bei den großen Kartografen Europas. Und dann, irgendwann im 19. Jahrhundert, verschwindet es. Aus den Atlanten, aus den Schulbüchern, aus unserem Gedächtnis.

Für manche Menschen ist genau das der Anfang eines Verdachts: Warum kennt jedes Kind das Römische Reich – aber niemand dieses riesige Tartaria? Wurde hier ein ganzes Weltreich aus der Geschichte getilgt? Dieser Beitrag geht der Frage ruhig nach. Denn die Antwort ist am Ende faszinierender als der Mythos – sie führt nicht zu einem versteckten Riesenreich, sondern zu einer echten, verstörenden Wahrheit über all das, was Menschen tatsächlich vernichtet haben.

Das Wort auf den alten Karten – und die Leere, die es bezeichnete.
Das Wort auf den alten Karten – und die Leere, die es bezeichnete.

Was Tartaria wirklich war

Das historische Tartaria ist real – und unspektakulär. „Tartaria“ war vom 13. bis ins 19. Jahrhundert ein westeuropäischer Sammelbegriff für die weiten, kaum erforschten Länder zwischen Kaspischem Meer und Pazifik. Der Name kommt von den Tataren, den turk-mongolischen Völkern – und die Europäer verbanden ihn klanglich mit dem Tartarus, der Unterwelt der Antike. Dorthin, wo das Licht des eigenen Wissens endete, schrieben sie den Namen der Schatten.

Ein Detail widerlegt die spätere Legende dabei still und vollständig: Die Kartografen unterteilten dieses angebliche Reich selbst – in Große Tartarei, Kleine Tartarei (die Krim), Unabhängige Tartarei (Turkestan) und Chinesische Tartarei (die Mandschurei). Wer ein einheitliches Weltreich einzeichnet, unterteilt es nicht in vier fremde Verwaltungen. Tartaria war ein Etikett für Nichtwissen – so, wie dieselben Karten weite Teile Afrikas einfach leer ließen.

Die reale Geschichte dahinter ist beeindruckend genug: das Mongolische Reich, mit rund 24 Millionen Quadratkilometern das größte zusammenhängende Landreich, das je existiert hat. Seine Erben: die Goldene Horde, das heutige Tatarstan. Nichts davon ist verschwiegen – es steht in jedem guten Geschichtsbuch.

Die Wirklichkeit hinter dem Namen: die Steppenreiche Innerasiens.
Die Wirklichkeit hinter dem Namen: die Steppenreiche Innerasiens.

Das Märchen vom gelöschten Reich

Das zweite Tartaria ist eine Erfindung unserer Gegenwart. Seit etwa 2016 verbreitet sich über Bild-Plattformen die Behauptung, dort habe eine technologisch überlegene Zivilisation existiert – freie Energie, drahtlose Technik –, untergegangen in einer globalen Schlammflut, dem „Mudflood“, und dann systematisch aus der Geschichte gelöscht. Die Prunkbauten des 19. Jahrhunderts seien in Wahrheit tartarische Relikte; als Beweis gelten halb versunkene Kellerfenster alter Häuser.

Wir machen uns über niemanden lustig, der davon fasziniert ist – das Gefühl dahinter verdient Ernst, und wir kommen gleich darauf. Aber die Fakten sind klar: Die Theorie wurzelt in den Schriften des russischen Nationalismus, bei Fomenkos „Neuer Chronologie“ und bei Nikolai Levashov. Der Architekturkritiker Zach Mortice nannte sie 2021 in Bloomberg CityLab „das QAnon der Architektur“. Sie ignoriert Marco Polo und hunderte Reiseberichte, die Bauakten der angeblich tartarischen Gebäude – und die versunkenen Fenster sind schlicht Kellergeschosse unter aufgeschütteten Straßen.

Das Märchen ist widerlegt. Aber der Verdacht, aus dem es wächst – dass uns Vergangenheit nur unvollständig überliefert ist –, der ist nicht falsch. Er ist wahrer, als die Erfinder des Märchens ahnen.

Die „Beweise“ der Theorie: versunkene Fenster – tatsächlich Kellergeschosse unter aufgeschütteten Straßen.
Die „Beweise“ der Theorie: versunkene Fenster – tatsächlich Kellergeschosse unter aufgeschütteten Straßen.

Die echte Lücke

Hier kommt der Wendepunkt dieser Geschichte: Man muss kein Reich erfinden, um zu verstehen, dass uns Unermessliches fehlt. Man muss nur hinsehen.

Berlin, 10. Mai 1933: Auf dem heutigen Bebelplatz verbrennen Studenten rund 20.000 Bücher – Heine, Freud, Kästner. Wer heute durch die Glasplatte in das Denkmal blickt, sieht leere weiße Regale. Sarajevo, August 1992: Brandgranaten treffen die Nationalbibliothek; rund zwei Millionen Bände verbrennen – nach verbreiteter Einschätzung die größte einzelne Bücherverbrennung der modernen Geschichte. Maní, Yukatán, 1562: Bischof Diego de Landa lässt die heiligen Bücher der Maya verbrennen; von einer ganzen Schriftkultur überleben drei, vielleicht vier Kodizes. Dazu die Klöster Tibets in der Kulturrevolution, die Manuskripte von Timbuktu, die Buddhas von Bamiyan – und Stalins Deportationen, nach denen tatarische Ortsnamen von den Karten getilgt wurden und das Wort „Krimtatar“ aus dem sowjetischen Lexikon verschwand. Das ist sie, die reale Löschung aus der Geschichte – dokumentiert, nicht fantasiert.

Und dann sind da die Zahlen. Der Bibliothekswissenschaftler Rudolf Blum schätzte 1991: Von der antiken griechischen Literatur ist vielleicht ein Prozent auf uns gekommen. Eine Studie in Science (2022), mit Methoden aus der Ökologie: Nur etwa neun Prozent der mittelalterlichen Handschriften haben überlebt. Von Sophokles' rund 120 Stücken besitzen wir sieben; von Livius' 142 Büchern römischer Geschichte 35. Das sind Schätzungen, keine Messwerte – aber ihre Richtung ist eindeutig: Der allergrößte Teil dessen, was Menschen je aufgeschrieben haben, ist fort. Nicht versteckt. Fort.

Die leere Stelle als Denkmal: Verlust braucht keinen Mythos.
Die leere Stelle als Denkmal: Verlust braucht keinen Mythos.

Was wir nie erfahren werden

Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, ob Tartaria existiert hat. Vielleicht ist die Frage, warum wir uns wünschen, dass es existiert hätte. Wir leben in einer Zeit, die glaubt, alles zu wissen – jede Sekunde archiviert, jeder Ort kartiert. Gerade deshalb sehnen wir uns nach einem Geheimnis, das größer ist als wir. Die Verschwörung füllt die leere Stelle auf der Karte mit einem goldenen Reich. Der reifere Blick lässt die Leere stehen – und erkennt: Die Vergangenheit war tatsächlich reicher, als man uns erzählt. Nicht, weil sie versteckt wird. Sondern weil sie zerstört wurde.

Nicht ein Riesenreich fehlt uns. Unzählige kleine Welten fehlen uns: die Bücher von Sarajevo, die Kodizes von Maní, die Stimmen der Deportierten. Man muss keine Verschwörung erfinden, um zu trauern. Es genügt, hinzusehen – und auszuhalten, was bleibt: Das meiste davon gehört zu dem, was wir nie erfahren werden.

Was blieb: einzelne Überlebende einer unermesslichen Bibliothek.
Was blieb: einzelne Überlebende einer unermesslichen Bibliothek.

Dies ist der Auftakt der Reihe „Verlorene Geschichte“ – über Bibliotheken, die brannten, Völker, die aus den Karten verschwanden, und echte Rätsel, die keine Verschwörung brauchen. Alle Beiträge und Videos der Schauungen-Reihe findest du in der Übersicht.

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