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Offenbarung des Johannes vs. Irlmaier: Kannten die Seher die Bibel?
Ein Priester nennt den biblischen Namen
Der Priester aus der Nähe Salzburgs – mit vollem Namen Benedikt Günthner – beschreibt eine Zeitspanne von rund siebzig Stunden und nennt sie beim Namen, den das Alte Testament für den großen Gerichtstag verwendet: den Tag Jahwes. Diesen Begriff hat er nicht erfunden, er steht so in den Prophetenbüchern der Bibel.
Diese kurze Zeitspanne von etwa 70 Stunden wird der ‚Tag Jahwes‘ genannt … Eine materielle Finsternis umhüllt die ganze Erde. Wer in dieser Zeit außer Haus läuft oder das Fenster öffnet, erstickt. Der Staubtod geht um … Ein feuriger Meteorenschwarm … zerspaltet die Erdrinde.
Priester aus der Nähe Salzburgs, überliefert

Was sechs Seher unabhängig sahen
Den zeitlichen Rahmen setzt Alois Irlmaier, der Brunnenbauer aus Freilassing: Finsternis, Erdbeben, Hagelschlag – und nach 72 Stunden ist es vorbei. Franz Josef Kugelbeer beschreibt dasselbe Grundmuster mit einem zusätzlichen Detail.
Finsternis von drei Tagen und Nächten. Beginn mit einem furchtbaren Donnerschlag mit Erdbeben … Nur geweihte Kerzen brennen … Es herrscht die Pest, große schwarze Flecken am Arm sieht man. Schwefeldämpfe erfüllen alles.
Franz Josef Kugelbeer, überliefert
Auch der Waldviertler, einer der detailreichsten Seher überhaupt, beschreibt Giftgase, die durch eine gewaltige Eruption südlich von Prag frei werden. Bei der ungarischen Sibylle Michalda von Saba, deren Aufzeichnungen deutlich älter sind als alle anderen hier, fällt sinngemäß Schwefelfeuer vom Himmel, und Sonne, Mond und Sterne leuchten in dieser Zeit anders als gewohnt. Und eine böhmische Flüchtlingsfrau erinnert sich an das, was ihr Vater ihr erzählte.
Von den drei dunklen Tagen sprach mein Vater immer so, als sollten sie vor dem Krieg kommen, und als sollten nur geweihte Kerzen vor den Fenstern brennen.
Böhmische Flüchtlingsfrau, überliefert

Der Abgleich: ein wiederkehrendes Drehbuch
Keiner der sechs Seher kannte einen der anderen. Und doch wiederholt sich bei allen dieselbe Abfolge in derselben Reihenfolge: zuerst ein gewaltiges Beben, dann eine Verdunkelung des Himmels, begleitet von Feuer, Schwefel oder Giftgas, und am Ende eine strikte Anweisung, im Haus zu bleiben. Vier von sechs nennen ausdrücklich Schwefel, Giftgas oder Staub, fünf von sechs sprechen von einem vorangehenden Erdbeben, alle sechs bestehen auf derselben Regel. Das ist keine vage Ähnlichkeit mehr, das ist ein wiederkehrendes Drehbuch.

Die Offenbarung – dasselbe Bild, 1900 Jahre älter
Die Offenbarung des Johannes ist rund neunzehnhundert Jahre alt. Beim Öffnen des sechsten Siegels wird die Sonne schwarz, der Mond färbt sich wie Blut, die Sterne fallen vom Himmel, begleitet von einem gewaltigen Erdbeben. Im achten Kapitel verdunkeln Feuer und Rauch einen Teil von Sonne, Mond und Sternen. Im neunten Kapitel steigt Rauch aus einem geöffneten Abgrund auf – so dicht, dass er die Luft selbst verändert –, begleitet von Feuer, Rauch und Schwefel.
Dieses Bild von der schwarzen Sonne und dem blutroten Mond ist selbst innerhalb der Bibel schon uralt: Es findet sich Jahrhunderte vor der Offenbarung beim Propheten Joel, als Ankündigung des Tages Jahwes – genau jenes Begriffs, den unser Priester aus der Nähe Salzburgs verwendet.

Zwei ehrliche Erklärungen stehen nebeneinander, ohne dass wir uns festlegen. Die erste: Bauern und Seher, die in Kirche oder Schule von diesen Bildern hörten, griffen ganz natürlich auf dieselbe vertraute Bildsprache zurück, wenn sie ihre eigenen Visionen in Worte fassen mussten – der Priester als Geistlicher kannte die Prophetenbücher fraglos.
Die zweite Deutung geht weiter: Ein sehr großes vulkanisches Ereignis oder ein Impakt wirft Asche, Schwefelverbindungen und Gestein so hoch in die Atmosphäre, dass es tagelang finster bleibt und feiner, atembarer Staub am Boden liegt. Belegt ist ein solches Ereignis für das Jahr 536 nach Christus: Nach einem gewaltigen Vulkanausbruch verdunkelte eine Aschewolke monatelang die Sonne über Europa. So etwas hätte es seither mehrfach geben können – jede Generation, die es erlebte, beschrieb es mit den Worten ihrer eigenen Zeit.
Sahen sie Physik?
Ob Tradition oder wiederkehrendes Naturereignis: Auffällig bleibt, dass ein Text von der Insel Patmos und ein Bauer im Böhmerwald, die nichts voneinander wissen konnten, unabhängig zum selben Bild kommen – Finsternis, Beben, Schwefel, und die Anweisung, drinnen zu bleiben. Der Priester aus der Nähe Salzburgs hat für dieses Bild sogar den passenden biblischen Namen parat: den Tag Jahwes. Wusste er, was er da zitierte – oder sah er einfach dasselbe wie Johannes auf Patmos, nur mit den Worten seiner eigenen Zeit?

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