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Die Roboter kommen – das Ende der körperlichen Arbeit (Nach dem Reset – Teil 6)
Ein blinder Fleck, siebzig Jahre alt
In China arbeiten heute über zwei Millionen Industrieroboter – fast die Hälfte aller Roboter der ganzen Welt. Auf zehntausend Beschäftigte kommen dort 470 Maschinen; damit hat das Land Deutschland und Japan überholt. Ganz normaler Alltag, an einem der ältesten Bauwerke der Welt.
Wir reden dieser Tage viel davon, dass die Maschinen uns die Arbeit wegnehmen. Angst, Verdrängung, überflüssige Menschen. Aber die Seher, von denen diese Serie handelt, haben eine ganz andere Zeit beschrieben: eine, in der die Menschen gut leben, satt werden, in Frieden – ohne Mühsal. Nur eines haben sie nie gesagt: wer dann die Felder bestellt. Also fragen wir hier ganz nüchtern: Wenn in der guten Zeit niemand mehr schuften muss – wer oder was nimmt uns die Arbeit ab?

Was die Seher sahen: Überfluss ohne Arbeiter
Alois Irlmaier, der Brunnenbauer aus Freilassing, hat die Zeit nach dem großen Umbruch immer wieder als eine handfeste, satte Zeit beschrieben – nicht als Himmel, sondern als Ernte. In Conrad Adlmaiers Sammlung „Blick in die Zukunft“, Auflage 1955, steht sinngemäß der Kern: Wenn alles vorbei ist, wird Frieden sein und eine gute Zeit; wer sie erlebt, dem geht es gut, der kann sich glücklich preisen.
Und an anderer Stelle, in der Auflage von 1950, malt er ein Bild vom Überfluss, das fast komisch klingt: Da werden die Leute wenig, und der Krämer steht vor der Tür und bittet, man möge ihm doch etwas abkaufen – so viel gibt es; die Würste hängen über den Teller hinaus. (Diese Sätze geben wir sinngemäß als Deutung wieder, nicht als wörtliches Zitat.) Merk dir dieses Bild, denn es ist der Schlüssel: Überfluss, obwohl kaum noch Menschen da sind.
Jetzt hör genau hin, was er nicht sagt. Er sagt: Es wird viel geben. Er sagt nicht: Alle stehen wieder von früh bis spät auf dem Feld. Er beschreibt reiche Ernten, volle Läden, Wärme und Wein – aber kein Wort darüber, wer sich krumm dafür schuften muss. In allen diesen alten Schauungen liegt derselbe merkwürdige blinde Fleck: die gute Zeit ist voller Güter und leer an Mühe. Jemand, oder etwas, muss diese Arbeit ja tun. In den Texten kommt dieser Jemand nicht vor.

Der Abgleich: die Lücke füllt sich
Genau in diese Lücke – die gute Zeit ohne sichtbare Arbeiter – passt das, was heute in China gebaut wird. Und die Zahlen sind schwer zu fassen. Der Internationale Roboterverband zählte in seinem Bericht „World Robotics“ Ende 2024: China ist auf Platz drei der Welt aufgestiegen und hat dabei Deutschland und Japan überholt. 470 Roboter auf zehntausend Beschäftigte – vor zwei Jahren waren es noch gut vierhundert. Nur Südkorea und Singapur liegen noch davor. Der operative Bestand: über zwei Millionen Industrieroboter, nahezu die Hälfte aller Maschinen weltweit. Und 2024 wurde mehr als jeder zweite neu installierte Roboter der Welt in China aufgestellt.
Das ist erst der Anfang. Bei den humanoiden Robotern – den menschenähnlichen, die laufen, greifen, tragen – kamen nach einer Schätzung von Morgan Stanley zuletzt rund neun von zehn weltweit ausgelieferten Maschinen von chinesischen Herstellern. Ein Einstiegsmodell, der Unitree G1, kostet etwa 16.000 Dollar – so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen. Über hundertvierzig Hersteller, mehr als dreihundert Modelle. Und auf der Straße: Ende 2024 waren über sechstausend autonome Lieferfahrzeuge unterwegs, Mitte 2025 hatten über hundert Städte ihre Straßen dafür geöffnet.
Diese Zahlen nenne ich bewusst als das, was sie sind – Schätzungen mit Bandbreite, und manche Statistik aus China wird von unabhängigen Instituten angezweifelt. Aber die Richtung ist unbestreitbar. Setz die beiden Bilder nebeneinander: Ein Seher beschreibt vor siebzig Jahren eine Zeit voller Güter, in der auffällig wenige Menschen arbeiten. Und heute entsteht in genau dem Land, um das sich diese Serie dreht, zum ersten Mal in der Geschichte eine Maschine, die die körperliche Arbeit übernehmen könnte. Der blinde Fleck der Prophezeiung bekommt ein Gesicht aus Metall.

Der Winkel: Ergänzung oder Ersatz?
Hier muss ich ehrlich werden, sonst kippt diese Folge in einen Traum, den sie nicht halten kann. China hat rund 123 Millionen Fabrikarbeiter. Das sind keine abstrakten Zahlen – das sind Menschen mit Familien, Mieten, Plänen. Und wenn Maschinen ihre Arbeit übernehmen, dann steht am Anfang kein Paradies, sondern die Angst um den Lohn.
Die offizielle Sprachregelung lautet: Ergänzung statt Ersatz. Regierungsnahe Vertreter betonen, die Roboter kämen vor allem dort zum Einsatz, wo die Arbeit gefährlich oder unzumutbar sei; sie sollen den Menschen zur Seite stehen, nicht ihn hinauswerfen. Ich gebe diese Position ausdrücklich als das wieder, was sie ist – eine offizielle Haltung, kein neutraler Befund. Ob sie stimmt, wird sich erst zeigen.
Denn die ehrliche Wahrheit über jeden großen Umbruch lautet: Der Übergang tut weh, bevor er trägt. Bevor die Maschine dir die Mühsal abnimmt, nimmt sie dir vielleicht erst die Stelle. Genau das ist die dunkle Seite der goldenen Zeit, und diese Serie wäre wertlos, wenn sie das verschweigen würde. Die Seher haben eine Welt beschrieben, in der die Menschen gut leben, ohne dass Arbeit sie erdrückt. Aber sie haben nicht beschrieben, wie man da hinkommt – durch welches Tal aus Verunsicherung und verlorenen Berufen der Weg dorthin führt.
Was übrig bleibt, ist ein nüchterner, fast unheimlicher Gleichklang: Die alte Schauung sagt, in der guten Zeit müsse niemand mehr schuften. Und zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte steht die Maschine bereit, die das möglich machen könnte. Ob daraus Freiheit wird oder Überflüssigkeit – das entscheidet nicht die Maschine. Das entscheiden wir.

Die offene Frage: Freiheit oder Überflüssigkeit?
Stell dir noch einmal die Drohne über der Chinesischen Mauer vor. Sie bringt einem Menschen sein Essen, ohne dass ein anderer Mensch dafür die Stufen hinaufsteigen musste. Ein winziges, alltägliches Bild – und doch steckt darin die ganze Frage dieser Serie.
Ein Brunnenbauer aus Bayern hat vor siebzig Jahren eine Zeit beschrieben, in der die Läden voll sind und die Menschen satt und in Frieden, obwohl kaum noch jemand da ist, der schuftet. Er konnte keinen einzigen Roboter kennen. Und doch beschreibt sein Bild vom Überfluss ohne Arbeit genau die Welt, die gerade zusammengebaut wird – aus Metall, Software und zwei Millionen fleißigen Maschinen.
Vielleicht ist das nur ein Zufall. Vielleicht ist eine Lieferdrohne einfach eine Lieferdrohne, und ein alter Satz über volle Würste einfach ein alter Satz. Aber vielleicht schauen wir gerade zu, wie sich der letzte blinde Fleck einer alten Prophezeiung mit Leben füllt – ausgerechnet mit Leben, das keinen Atem hat. Die Goldene Zeit – hat sie schon Fundamente?

Diese Folge gehört zur Reihe „Nach dem Reset – Die Goldene Zeit“. Im nächsten Teil fragen wir, was aus dem Überfluss wird, wenn die Maschinen alles herstellen und kaum jemand mehr kauft – „Der Krämer vor der Tür“. Vertiefe die Spur der Seher und begleite die Serie weiter.
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