Worum es überhaupt geht
„Thunderbolts of the Gods“ ist 2006 als Film und als begleitende Monografie erschienen. Dahinter stehen der Mythenforscher David Talbott und der Ingenieur Wallace Thornhill, beide aus dem Umfeld des sogenannten „Thunderbolts Project“. Ihr Ausgangspunkt ist eine Beobachtung, die zunächst harmlos klingt: Viele alte Kulturen, die nie Kontakt zueinander hatten, erzählen erstaunlich ähnliche Dinge – von einem leuchtenden Weltenbaum, einer Säule am Himmel, einem Donnerkeil, einem strahlenden Stern über dem Pol.
Die übliche Erklärung lautet: Menschen denken überall ähnlich, also entstehen ähnliche Symbole. Talbott und Thornhill drehen den Gedanken um. Sie vermuten, die Ähnlichkeit komme daher, dass alle dasselbe gesehen haben – ein reales, dramatisches Ereignis am Himmel der Vorzeit. Ihr Rahmen dafür ist das „Elektrische Universum“: die Annahme, dass Plasma und elektrische Ströme im Weltall eine viel größere Rolle spielen, als die Lehrbücher zugestehen. Wichtig ist, das gleich zu Beginn als Deutung zu kennzeichnen, nicht als gesicherten Befund.

Zwei Erklärungen für denselben Himmel
Im Kern stehen sich zwei Weltbilder gegenüber, die dieselben Mythen ganz unterschiedlich lesen.
- Die etablierte Sicht: Der Kosmos wird vor allem durch die Schwerkraft geformt. Sterne leuchten durch Kernfusion, die Planetenbahnen sind seit Jahrmilliarden stabil. Mythen sind in dieser Lesart Sprache und Symbol – der Mensch deutet Naturgewalten, Tod und Fruchtbarkeit in Bildern, nicht in Protokollen.
- Die Sicht des Elektrischen Universums: Auch elektrische Ströme und Plasma formen den Raum mit. Mythen seien dann teils Augenzeugenberichte – Erinnerungen an eine Zeit, in der der Himmel anders aussah und sichtbare Entladungen die Menschen erschütterten.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht in einem einzelnen Detail, sondern in der Grundannahme: Ist ein Mythos ein Bild oder ein Bericht? An dieser Frage entscheidet sich alles Weitere.
Aus den beiden Annahmen folgen ganz verschiedene Erwartungen. Wer Mythen als Symbol liest, sucht nach kulturellen Wurzeln, nach Sprache und Psychologie. Wer sie als Bericht liest, sucht nach physikalischen Spuren – nach Formen, die ein elektrisches Ereignis hinterlassen haben könnte. Beide Wege sind in sich schlüssig; sie führen nur zu sehr unterschiedlichen Fragen und Belegen. Wichtig ist, nicht stillschweigend von der einen Annahme in die andere zu rutschen.

Was dabei oft falsch verstanden wird
Beide Seiten werden in der Debatte gern verzerrt. Es lohnt sich, zwei Missverständnisse ruhig auszuräumen.
Erstes Missverständnis: „Plasma im Kosmos ist Unsinn.“ Das stimmt nicht. Plasma – elektrisch geladenes Gas – ist tatsächlich der häufigste Materiezustand im sichtbaren Universum. Forscher wie Kristian Birkeland und der Nobelpreisträger Hannes Alfvén haben gezeigt, dass elektrische Ströme im Weltraum real sind; die nach Birkeland benannten Ströme speisen zum Beispiel die Polarlichter. Dieser Kern ist anerkannte Physik, kein Außenseiterglaube.
Zweites Missverständnis: „Wenn Plasma real ist, stimmt die ganze Theorie.“ Auch das ist ein Trugschluss. Aus der Tatsache, dass Plasma existiert, folgt nicht, dass Sterne keine Fusionsöfen sind oder dass Planeten vor wenigen tausend Jahren ihre Bahnen wechselten. Genau hier dehnen die Vertreter des Elektrischen Universums belegte Physik zu sehr weitreichenden Schlüssen – und überschreiten die Grenze vom Wissen zur Deutung.
Ein dritter, leiserer Irrtum betrifft den Ton der Debatte selbst. Auf beiden Seiten wird gern mit Spott gearbeitet: Die einen verlachen „die Schulwissenschaft“, die anderen „die Spinner“. Beides hilft nicht weiter. Eine Idee wird nicht dadurch wahr, dass sie mutig gegen den Mainstream steht – und nicht dadurch falsch, dass sie unbequem ist. Es zählt allein, ob die Belege tragen.

Was Beleg ist und was Deutung
Wer das Thema fair behandeln will, zieht eine klare Linie. Auf der einen Seite steht Belegtes: Plasmaphysik, Birkeland-Ströme, die Tatsache, dass elektrische Entladungen im Labor verzweigte, säulenartige Formen erzeugen. Auch dass es weltweit ähnliche Felszeichnungen gibt, lässt sich nicht bestreiten.
Auf der anderen Seite steht Deutung, oft hochspekulativ. Dass bestimmte Strichfiguren – der sogenannte „Squatter Man“ – ausgerechnet eine Plasmasäule am Himmel abbilden, ist eine Hypothese des Physikers Anthony Peratt, keine gesicherte Tatsache; kulturelle Ähnlichkeit erklärt vieles ebenso gut. Und Talbotts kühnster Strang – Saturn als einst nahe „zweite Sonne“ in einer polaren Anordnung der Planeten – steht im offenen Widerspruch zu allem, was wir über Himmelsmechanik und die Altersbestimmung von Gestein wissen.
Ehrlich bleibt also nur, wer beides nennt: den realen physikalischen Kern und die große Lücke zwischen ihm und den weitreichenden Schlüssen. Das ist keine Abwertung – es ist Respekt gegenüber Neugier und Skepsis zugleich.

Für wen das Thema etwas ist
„Thunderbolts of the Gods“ ist kein Lehrbuch der Astronomie und sollte auch nicht so gelesen werden. Aber es ist ein faszinierender Anlass, über etwas Echtes nachzudenken: über die verblüffende Tatsache, dass weit entfernte Kulturen ähnliche Bilder vom Himmel teilen, und über die Frage, wie wir Mythen überhaupt verstehen.
Wer offen für alternative Erklärungen ist, findet hier eine in sich geschlossene, anschauliche Idee – sollte sie aber als Theorie behandeln, nicht als bewiesene Geschichte. Wer naturwissenschaftlich denkt, kann den belegten Plasma-Kern ernst nehmen und zugleich klar benennen, wo die Belege enden. Am meisten gewinnt, wer beide Haltungen aushält: die Lust am großen Bild und die Bereitschaft, genau hinzuschauen.
So gelesen ist „Thunderbolts of the Gods“ weniger eine fertige Antwort als eine gute Übung. Die Theorie zwingt dazu, eine alte Frage neu zu stellen: Wie viel von dem, was unsere Vorfahren erzählten, war Erfindung – und wie viel war Erfahrung? Selbst wer am Ende bei der etablierten Wissenschaft bleibt, schaut danach achtsamer auf Mythen und nimmt sie als ernsthafte Zeugnisse menschlicher Wahrnehmung, nicht nur als Märchen.

Einzelne Stränge lohnen den genaueren Blick: das Plasma im Labor, die weltweiten Felszeichnungen, Velikovsky als umstrittener Vorläufer – und immer wieder die ruhige Frage, was Beleg und was Deutung ist.
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