Die Frage, die immer wieder kommt
In den Kommentaren hier steht eine Frage, in vielen Fassungen, aber immer dieselbe. Eine Zuschauerin hat sie so gestellt: „Wie bleibe ich ruhig, wenn ich um solche Schauungen weiß, ohne mich verunsichern oder in Panik versetzen zu lassen?“
Ich nehme diese Frage ernst. Wer sie stellt, hat nicht zu wenig gelesen, sondern zu viel, und meistens das Falsche in der falschen Reihenfolge.
Ich mache heute drei Dinge. Ich zeige, was bei Alois Irlmaier tatsächlich überliefert ist und auf welchem Weg der Satz zu uns gekommen ist. Ich schaue auf die Bilder, die am meisten Angst machen, und lese sie noch einmal langsam. Und ich hole einen Mann dazu, der vor fast zweitausend Jahren genau über diese Frage nachgedacht hat: Was tut man mit einer Nachricht, die man nicht ändern kann?
Was ich heute nicht mache: Ich nenne kein Datum. Ich sage nicht, dass etwas kommt. Ich sage, was gesagt wurde, und was man damit anfangen kann.
Was Irlmaier gesagt hat und wie es zu uns kam
Alois Irlmaier war Brunnenbauer in Freilassing, geboren 1894, gestorben 1959. Er hat nichts selbst aufgeschrieben. Kein Heft, kein Brief, keine datierte Vorhersage von seiner Hand ist belegt. Das ist der erste Punkt, den man wissen sollte, bevor man sich vor irgendetwas fürchtet, das ihm zugeschrieben wird.
Was wir haben, kommt von Menschen, die mit ihm gesprochen haben. Der wichtigste ist der Traunsteiner Journalist Conrad Adlmaier. Er saß mit Irlmaier am Tisch, hörte zu und schrieb 1950 ein Heft mit dem Titel „Blick in die Zukunft“. Daraus stammt der Satz, um den es heute geht:
Finster wird es werden an einem Tag unterm Krieg. Dann bricht ein Hagelschlag aus mit Blitz und Donner und ein Erdbeben schüttelt die Erde. … Nach 72 Stunden ist alles vorbei.
Alois Irlmaier, nach Conrad Adlmaier, Blick in die Zukunft 1950
Auf welcher Stufe steht so ein Satz? Ich unterscheide in dieser Reihe immer vier Stufen: Stenografie, also mitgeschrieben, während gesprochen wurde. Zeitzeuge, also jemand hat es gehört und später aufgeschrieben. Weitererzählung, also jemand hat es von jemandem, der es gehört hat. Und unbelegt.
Adlmaier ist Zeitzeuge. Er hat Irlmaier gekannt, er war dabei, aber er hat aus dem Gedächtnis geschrieben und geordnet, nicht stenografiert. Vieles, was heute im Netz als Irlmaier-Zitat kursiert, ist dagegen Weitererzählung in dritter oder vierter Hand, oft mit Zusätzen, die bei Adlmaier gar nicht stehen.
Dazu gehört auch, wie die Leute überhaupt zu Irlmaier kamen. Nach dem Krieg suchten viele Familien nach Vermissten, und Berichten zufolge gingen etliche von ihnen nach Freilassing, weil es hieß, der Brunnenbauer könne sehen, wo jemand geblieben ist. Die Menschen an seinem Tisch waren also keine Sensationssucher. Es waren Mütter und Ehefrauen mit einer Fotografie in der Hand. Das ist der Raum, in dem diese Sätze gefallen sind, und ich finde, man sollte ihn beim Lesen nicht vergessen.
Wenn dir dieses langsame Lesen Ruhe gibt, bleib gern. Hier geht es jede Woche so weiter: erst die Quelle, dann die Frage, was sie für dich bedeutet.
Der Weg eines Satzes
Ein Satz, der durch viele Hände geht, wird nicht falsch, aber er wird glatter und lauter. Aus „finster wird es werden“ wird in der Weitererzählung „drei Tage totale Finsternis über der ganzen Erde“. Aus „nach 72 Stunden ist alles vorbei“ wird ein Zeitplan mit Stunde und Minute. Nichts davon steht in der Quelle. Bei Adlmaier ist es ein Bild: ein finsterer Tag, ein Unwetter, ein Beben, und dann, wörtlich, „ist alles vorbei“.
Ich möchte, dass du das letzte Stück dieses Satzes mitnimmst, weil es fast immer weggelassen wird. Der Satz endet nicht in der Finsternis. Er endet mit dem Ende der Finsternis. Wer nur die ersten Worte zitiert, erzählt eine andere Geschichte als Irlmaier.
Ein einfacher Test, den du selbst machen kannst, wenn dir irgendwo ein Irlmaier-Satz begegnet: Frag, wo er steht. Nicht, wer ihn sagt, sondern in welchem Heft, auf welcher Seite. Steht er bei Adlmaier, ist er Zeitzeuge. Steht er in einem Buch aus den siebziger oder achtziger Jahren, das sich auf Adlmaier beruft, ist er Weitererzählung. Steht er nirgends, ist er unbelegt. Diese drei Fragen kosten fünf Minuten, und sie nehmen den lautesten Sätzen ihre Lautstärke. Ich mache das in dieser Reihe bei jedem Zitat, und ich sage dir jedes Mal, auf welcher Stufe es steht.

Die Bilder, die Angst machen, noch einmal langsam gelesen
Die Finsternis ist nicht Irlmaiers Erfindung. Das Bild ist alt und taucht in vielen Überlieferungen auf, und fast überall steht neben dem Bild eine Anweisung. Im sogenannten Lied der Linde, einem Gedicht, das seit 1920 kursiert, heißt es:
Winter kommt, drei Tage Finsternis, Blitz und Donner und der Erde Riß. Bet daheim, verlasse nicht das Haus, auch am Fenster schaue nicht den Graus!
Lied der Linde, Urfassung 1920
Wer das Lied der Linde geschrieben hat, weiß niemand. Der Text ist in dieser Hinsicht unbelegt, und ich nenne ihn hier nicht als Vorhersage, sondern als Beispiel dafür, wie die Überlieferung mit der Angst umgeht. Sie sagt nämlich nicht: Fürchte dich. Sie sagt: Bleib daheim, bete, schau nicht hin. Das ist eine Anweisung für die Hände und die Füße. Eine Angst, die weiß, was sie tun soll, ist schon halb keine Angst mehr.
Dieses Muster zieht sich durch die ganze alpenländische Überlieferung. Wo ein finsteres Bild steht, steht daneben fast immer etwas Kleines und Praktisches: die Fenster schließen, ein Licht anzünden, beten, Wasser im Haus haben, bei den Seinen bleiben. Die alten Erzähler haben ihre Zuhörer nicht mit dem Bild allein gelassen. Sie haben ihnen etwas in die Hand gegeben. Genau das fehlt in fast allem, was heute mit diesen Bildern gemacht wird. Dort bleibt nur die Finsternis übrig, und die Anweisung fällt weg. Ich glaube, das ist der eigentliche Grund, warum das heute Angst macht und die alten Erzählungen es weniger taten.
Und Irlmaier selbst? Es gibt eine Stelle bei Adlmaier, in der er direkt auf die Angst der Leute antwortet, die vor ihm sitzen. Er sagt, in seinem Dialekt:
Da brauchst gar koa Angst haben … vom Watzmann bis zum Wendelstoa, uns gschieht nichts, weil uns d’ Mutter Gottes von Altötting schützt, da kimmt keiner her.
Alois Irlmaier, nach Conrad Adlmaier, Blick in die Zukunft 1950
Hochdeutsch: Du brauchst keine Angst zu haben, uns geschieht nichts. Ob das für die Gegend zwischen Watzmann und Wendelstein stimmt, kann niemand prüfen, und ich will es auch nicht behaupten. Aber schau auf den Ton. Der Mann, dem all diese finsteren Bilder zugeschrieben werden, hat die Menschen, die zu ihm kamen, beruhigt. Er hat sie nicht in Panik geschickt. Ich finde, das sagt mehr über ihn als jedes einzelne Bild.
Es gibt noch einen dritten Satz, der in fast keiner Angst-Erzählung vorkommt, weil er nicht in die Dramaturgie passt. Er beschreibt die Zeit danach:
Zuerst ist noch Hungersnot, aber dann kommen auf der Donau so viel Lebensmittel herauf, daß alle satt werden.
Alois Irlmaier, nach Conrad Adlmaier, Blick in die Zukunft 1950
„Daß alle satt werden.“ Irlmaiers Schauung hat ein Ende, und das Ende ist ein gedeckter Tisch. Wer die Überlieferung ganz liest, bekommt eine andere Gefühlslage als der, der bei der Finsternis aufhört.

Die Brücke: ein Kaiser, ein Sklave und die Vorstellung
So weit die Überlieferung. Jetzt die Frage, um die es eigentlich geht: Was macht man damit?
Ich hole dafür jemanden dazu, der nichts mit Bayern und nichts mit dem zwanzigsten Jahrhundert zu tun hat. Epiktet, geboren als Sklave, später Lehrer in Griechenland, gestorben um das Jahr 135. Er hat selbst nichts aufgeschrieben; sein Schüler Arrian hat seine Sätze gesammelt, in einem kleinen Buch, das man das Handbüchlein nennt. Der erste Satz des fünften Abschnitts lautet:
Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen. So ist z.B. der Tod nichts Schreckliches, sonst wäre er auch dem Sokrates so erschienen; sondern die Meinung von dem Tod, daß er etwas Schreckliches sei, das ist das Schreckliche.
Epiktet, Handbüchlein der Moral, Ench. V, Übersetzung Conz 1864
Lies das noch einmal mit der Finsternis im Kopf. Was dich nachts wach hält, ist nicht ein Tag im Jahr, den niemand kennt. Es ist die Vorstellung davon. Und Vorstellungen kann man anschauen, drehen, prüfen. Ein Ereignis, das nicht stattfindet, kann man nicht prüfen. Eine Vorstellung, die in dir stattfindet, schon.
Epiktet gibt dafür sogar eine Übung. Im ersten Abschnitt rät er, jeder unangenehmen Vorstellung gleich zu begegnen, mit den Worten: Du bist nur eine Vorstellung und durchaus nicht das, als was du erscheinst. Und dann soll man sie prüfen: Betrifft sie etwas, das in meiner Gewalt ist, oder nicht?
Das ist die ganze Methode. Zwei Spalten. In der einen steht, was ich tun kann. In der anderen, was ich nicht tun kann. Ob eine Finsternis kommt, steht in der zweiten Spalte. Ob ich Wasser im Haus habe, ob ich mit meinen Nachbarn rede, ob ich heute Abend ruhig einschlafe, steht in der ersten.
Ich mache das an einem Beispiel vor, das mir jemand geschrieben hat. Die Sorge lautete: „Wenn der Strom tagelang ausfällt, sitzen wir im Dunkeln und ich weiß nicht, was mit meiner Mutter im Pflegeheim ist.“ Zerlegt man den Satz, hat er drei Teile. Ob der Strom ausfällt: nicht in meiner Hand. Ob ich im Dunkeln sitze: in meiner Hand, denn zwei Packungen Kerzen und eine Kurbellampe kosten weniger als ein Abendessen. Was mit meiner Mutter ist: zur Hälfte in meiner Hand, denn ich kann heute die Nummer der Station aufschreiben, mit der Leitung reden und fragen, welchen Plan das Haus für solche Fälle hat. Aus einer Sorge, die den ganzen Körper besetzt, werden zwei Besorgungen und ein Anruf. Die Sorge ist nicht weg. Aber sie hat eine Größe bekommen, mit der man leben kann.
Und dann gibt es noch eine Stelle, die klingt, als hätte Epiktet unsere Kommentarspalte gelesen. Er schreibt darüber, wie man zu einem Seher gehen soll:
Wenn du zum Orakel gehst, so erinnere dich, daß du nicht weißt, was geschehen wird. Du sollst also zum Seher weder Begierde, noch Widerwillen mitbringen. Auch gehe nicht mit Angst zu ihm, sondern als einer, der weiß, daß alles, was da kommen mag, gleichgiltig ist. Man wird einen guten Gebrauch davon machen können; und das kann dir niemand wehren.
Epiktet, Handbüchlein der Moral, Ench. XXXII, Übersetzung Conz 1864
„Gehe nicht mit Angst zu ihm.“ Das gilt für den Gang zum Orakel in Delphi, und es gilt für jede Seite über Irlmaier, die man aufschlägt. Wer mit Angst hingeht, findet Angst. Wer mit der Frage hingeht, was er damit anfangen kann, findet einen Tisch, ein Fenster, eine Kerze, einen Nachbarn. Das ist Deutung, keine Überlieferung. Aber ich glaube, sie trägt.


Ein kleiner Impuls für heute Abend
Ich gebe dir etwas mit, das man in einer Viertelstunde machen kann. Nimm einen Zettel. Zieh einen Strich in der Mitte. Links schreibst du alles hin, was dich an diesen Schauungen beunruhigt. Rechts schreibst du zu jedem Punkt eine von zwei Antworten: „in meiner Hand“ oder „nicht in meiner Hand“.
Du wirst sehen: Fast alles Beunruhigende steht bei „nicht in meiner Hand“. Und das ist keine schlechte Nachricht. Es heißt, dass du dafür nicht zuständig bist. Zuständig bist du für die kurze Liste links unten: ein paar Kanister Wasser, Kerzen und Streichhölzer, eine Adresse, bei der du im Notfall anrufst, ein Abend ohne Nachrichten. Irlmaier hat, wenn man Adlmaier folgt, nichts anderes geraten: Vorrat für ein paar Wochen, mehr nicht. Keine Bunker, keine Flucht.
Und wenn der Zettel fertig ist, falte ihn einmal so, dass nur die kurze Liste zu sehen ist. Die lange Liste bleibt innen. Sie ist nicht verschwunden, aber sie liegt dort, wo sie hingehört: bei den Dingen, die andere entscheiden. Ich lasse abends gern eine Kerze auf dem Fensterbrett brennen, während ich den Zettel schreibe. Nicht, weil eine Überlieferung es sagt, sondern weil ein kleines Licht am Fenster der älteste Trick gegen die Vorstellung ist, dass es draußen finster wird. Man sieht dann nämlich, dass es draußen nur dunkel ist. Das ist ein Unterschied.
Wenn die Angst trotzdem bleibt, wenn sie den Schlaf nimmt oder den Tag, dann ist das kein Zeichen von Schwäche und auch keine Frage, die ein Text wie dieser beantwortet. Dann sprich mit jemandem, der dir nahe ist, oder mit deinem Hausarzt. Das gehört auch in die Spalte „in meiner Hand“.
Und dann ein Satz für den Zettel am Kühlschrank, der ältere von den beiden Männern hat ihn geschrieben:

Was offen bleibt
Offen bleibt, was immer offen bleibt. Ob Irlmaier gesehen hat, was Adlmaier aufgeschrieben hat, wissen wir nicht. Ob es kommt, wissen wir nicht. Ob es für die Gegend zwischen Watzmann und Wendelstein anders ausgeht als anderswo, wissen wir nicht. Ich werde in dieser Reihe nie so tun, als wüsste ich es.
Was wir wissen: Die Überlieferung endet nicht in der Finsternis, sondern mit „alles vorbei“ und mit „alle satt“. Und ein alter Lehrer hat uns eine Methode hinterlassen, mit der man Vorstellungen anschauen kann, statt sich von ihnen anschauen zu lassen.
Alle Quellen mit Werk, Jahr und Fundstelle stehen im Zukunftsschau-Bereich, dazu der Beitrag auf der Website, in dem du das Ganze in Ruhe nachlesen kannst. Wenn du eine eigene Frage hast, schreib sie in die Kommentare. Die häufigsten beantworte ich gesammelt in einer eigenen Ausgabe „Eure Fragen“.
Im nächsten Beitrag lese ich mit dir die Finsternis-Stelle bei Adlmaier Satz für Satz: was drinsteht, was dazugedichtet wurde und warum Irlmaier selbst mit Jahreszahlen vorsichtig geworden ist. Bis dahin: Zettel, Strich, zwei Spalten. Mehr braucht es heute nicht.

Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen.
Satz zum Mitnehmen
Quellen
- Alois Irlmaier, Conrad Adlmaier – Blick in die Zukunft (1950), via schauungen.de – Qualitätsstufe IV (schauungen.de)
- Lied der Linde, Lindelied (Der alten Linde Sang von der kommenden Zeit, Urfassung 1920) – Qualitätsstufe IV (schauungen.de)
- Epiktet (aufgezeichnet von Arrian), Handbüchlein der Moral (Encheiridion), Ench. V, 125 (Übers. Karl Philipp Conz († 1827), Ausgabe 1864)
- Epiktet (aufgezeichnet von Arrian), Handbüchlein der Moral (Encheiridion), Ench. I,5, 125 (Übers. Karl Philipp Conz († 1827), Ausgabe 1864)
- Epiktet (aufgezeichnet von Arrian), Handbüchlein der Moral (Encheiridion), Ench. XXXII,1–2, 125 (Übers. Karl Philipp Conz († 1827), Ausgabe 1864)
Wenn dir das Ruhe gegeben hat, bleib gern: Mehr ruhig betrachtete Schauungen, Quellen und Impulse findest du im Bereich Innere Ruhe.
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