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Sicherheitszonen in Österreich und der Schweiz — wo die Seher Schutz sahen

Aufhänger — Dill auf dem Stephansplatz, Ruhe auf der Alm

„Am Wiener Stephansplatz wächst der Dill." Mit dieser Zeile aus einem alten Prophezeiungslied beschrieb ein Seher aus dem Waldviertel das Ende der eigenen Hauptstadt — Wien, sagte er, ende als erste unter den westeuropäischen Städten als Ruinenlandschaft.

Und nur wenige Täler weiter westlich sagt eine Bäuerin aus dem Ötztal fast das Gegenteil: Oben auf den Almen, da kommt keiner hin.

Zwölf Stimmen aus über hundert Jahren, vom Waldviertel bis zum Genfer See, zeichnen zusammen eine Karte, die genau zwischen diesen beiden Sätzen verläuft.

In diesem Beitrag legen wir sie in zwei Schichten übereinander: zuerst die Karte der Gefahr — das Waldviertel, Wien, Kärnten.

Dann die Karte des Schutzes — die Almen, das Hochgebirge, und der Sonderfall Schweiz. Du wirst merken: Die Grenze verläuft nicht zwischen Ländern. Sie verläuft zwischen Tal und Höhe.

Im Beitrag über die Sicherheitszonen in Deutschland blieb unser Blick an der Grenze stehen — südlich vom Watzmann war Schluss. Viele von euch leben aber genau dahinter. Heute gehen wir weiter.

Die Frage dieses Beitrags: Wo ist es laut den Sehern in Österreich und der Schweiz wirklich gefährlich — und wo, wirklich, nicht?

Gemalte Vogelperspektive über den Alpenbogen von Wien bis zum Genfer See: der Nordosten unter kühlem Schatten, das Hochg
Gemalte Vogelperspektive über den Alpenbogen von Wien bis zum Genfer See: der Nordosten unter kühlem Schatten, das Hochg

Die Karte der Gefahr — Waldviertel, Wien, Kärnten

Beginnen wir dort, wo die Überlieferung am dichtesten ist — im Nordosten Österreichs.

Ein Bauer aus dem Waldviertel, dessen Schauungen in den sechziger Jahren minutiös protokolliert wurden, sah seine Heimat als Schlachtfeld. Wörtlich überliefert ist:

Stillleben: alte handgezeichnete Karte des Alpenraums auf dunklem Holztisch, über dem nordöstlichen Kartenteil kalter bl
Stillleben: alte handgezeichnete Karte des Alpenraums auf dunklem Holztisch, über dem nordöstlichen Kartenteil kalter bl

Es tobte eine riesige Panzerschlacht vom Raum Wien–Krems in Richtung Schrems–Gmünd. Ich hörte mich sagen: ‚Jetzt geht das schon zum drittenmal so, was soll da noch übrigbleiben.‘

Waldviertler, protokolliert bei Gann

Eine Front, die dreimal über dasselbe Land wechselt — vom Donauraum quer durch das Waldviertel.

Derselbe Mann sah fremde Truppen wieder am alten Übungsplatz Döllersheim einziehen, und aus dem Kremser Raum beschrieb er wiederholte Beschießungen mit vielen Toten.

Und unabhängig von ihm überliefert eine Arztfrau aus derselben Gegend eine Schau von 1996: Soldaten auf der Dorfstraße, die zu zweit gewaltsam in jedes Haus eindringen.

Doch beim Waldviertler kommt die Gefahr nicht nur mit Panzern. In seiner Kernvision, dem sogenannten Funkenregen, verdunkelt sich an einem Sommervormittag die Sonne, als schöbe sich Nebel in den Weltraum, Sterne werden am Tag sichtbar —

und dann fällt von Osten her eine Glut wie Millionen weißglühender Leuchtkugeln, Felder, Wälder und Häuser brennen, danach ein leichtes Beben und eine ferne Detonation.

Und in einer zweiten Schau geht er kurz nach dem Weizendreschen — also Anfang September — durch lockeren Neuschnee über die Stoppelfelder: Winter zur Unzeit. Merke dir dieses Motiv, es kehrt am Ende in der Schweiz wieder.

Wenn dich solche Abgleiche interessieren — genau dafür gibt es diese Seite.

Dann Wien. Die Arztfrau sah den östlichen Stadtrand in Flammen — Schrebergärten, Büsche, Bäume, alles brennt.

Die Gegend um den Wienerwald sah sie in einen Zustand wie in der Steinzeit zurückfallen; von dreiundzwanzig Klassenkameradinnen, so „wusste" sie in der Schau, überleben nur drei.

Und der Waldviertler setzte seine härteste Zeile darauf — eben jenes Lied von der Linde, das er 1982 einem Journalisten gegenüber zitierte: Alle Städte werden totenstill, am Wiener Stephansplatz wächst der Dill.

Und der Süden? Ein Seher aus demselben niederösterreichischen Umfeld sah den Angreifer durch Kärnten nach Italien marschieren — Kärnten nicht als Ziel, sondern als Durchmarschkorridor entlang der Täler.

Erna Stieglitz wiederum, die Augsburger Seherin, beschrieb den Hauptstoß nördlich davon: aus Böhmen heraus nach Bayern, dem Oberrhein zu.

Und mitten im Gebirge selbst? Dort hängt die Überlieferung die Gefahr an ein Zeichen. Alois Simon Maaß, der Tiroler Einsiedler aus dem Stubaital, sagte wörtlich überliefert:

Über den Reschenpaß wird man dreimal versuchen eine Eisenbahn zu bauen, und jedesmal wird bei Baubeginn der Krieg ausbrechen und alles vereiteln.

Alois Simon Maaß

Und wenn die Brücke vom Inntal ins Pitztal fast fertig sei, beginne die große Weltkatastrophe. Keine Ortsangabe der Zerstörung — ein Countdown an Bauwerken, mitten in Tirol.

Halte diese beiden Linien fest — sie sind der Schlüssel zur ganzen Karte: Ein Stoß läuft nördlich der Alpen vorbei, einer südlich hindurch. Dazwischen liegt das Gebirge.

Grafik: Die Karte der Gefahr — Waldviertel, Wien, Kärnten
Grafik: Die Karte der Gefahr — Waldviertel, Wien, Kärnten

Die Karte des Schutzes — und warum sie der Landschaft folgt

Jetzt die zweite Schicht — und mit ihr die Deutung, denn hier laufen beide zusammen.

Die Bäuerin, die man Katharina aus dem Ötztal nennt, sah für Tirol zuerst dasselbe Dunkel wie die Niederösterreicher für ihr Land: Horden plündernder Gestalten in den Tälern, im Spätsommer, wenn das Korn reif ist. Aber dann kommt bei ihr der Satz, der die ganze Karte kippt:

Weite Ferne: kleine Almhütte hoch über einem dunklen wolkenverhangenen Tal, die Hütte im letzten warmen Abendlicht, davo
Weite Ferne: kleine Almhütte hoch über einem dunklen wolkenverhangenen Tal, die Hütte im letzten warmen Abendlicht, davo

Kinder, ihr müßt auf den Berg fliehen — auf die Almhütten.

Katharina aus dem Ötztal

Dorthin, sagte sie, steigen die Horden nicht. Nicht das Land ist bei ihr sicher — die Höhe ist es. Sogar das Danach folgt bei ihr dieser Regel:

Sie sah so wenige Menschen übrig bleiben, dass Heu und Korn auf den Feldern stehen, nur da und dort raucht noch ein Kamin — aber die, die oben waren, fangen wieder von vorne an, wie vor zweihundert Jahren, und sind zufrieden.

Und genau diese Höhenregel ist keine Mystik, sie ist Militärgeografie: Große, mechanisierte Verbände brauchen Straßen, Treibstoff, offenes Gelände.

Ein Hochgebirge mit wenigen, leicht zu sperrenden Pässen ist für sie kein Gelände, sondern ein Hindernis.

Die beiden Stoßrichtungen aus dem vorigen Abschnitt — nördlich vorbei, südlich hindurch — sind exakt das, was ein Generalstab planen würde, der die Alpen meiden will. Die Seher beschreiben, ohne einander zu kennen, den Windschatten dieses Riegels.

Und dieser Windschatten hat Zeugen. Bariona, ein Seher der Gegenwart, sah 1998 hungernde Flüchtlinge von Salzburg westwärts Richtung Traunstein ziehen — Frauen und Kinder, gruppenweise, bettelnd.

Beachte die Richtung dieser Bewegung: aus dem Osten kommend, am Nordrand der Berge entlang, ins Alpenvorland hinein — genau in jene Schutzzone, die im Deutschland-Beitrag drei Stimmen unabhängig voneinander beschrieben.

Wer flieht, fließt dorthin, wo die Karte warm ist. Ein katholischer Pfarrer aus Westfalen sah schon 1923 ein süddeutsch-österreichisches Ordnungsheer, das die Lage am Rhein wendet —

Heere aber stellt nur auf, wer die Katastrophe mit heiler Substanz überstanden hat.

Und der Berliner Seher Erwin Zahn beschrieb eine Widerstandsbewegung, der sich Österreicher, Bayern und Schweizer anschließen. Dreimal dasselbe stille Bild: Im Alpenraum bleibt etwas übrig, das danach noch handeln kann.

Bleibt die Schweiz. Franz Josef Kugelbeer, der Seher aus Vorarlberg, sah den Papst aus dem brennenden Rom fliehen — über Genua in die Schweiz.

Das Land als Zufluchtsort, mitten im Sturm. Die Hellseherin Gabriele Hoffmann sah die große Währungskrise ausdrücklich alle Länder Europas treffen — außer die Schweiz. Zweimal derselbe Sonderfall: Das Land steht abseits.

Und die Landschaft stützt dieses Bild ein zweites Mal: Die Schweizer Armee selbst plante im Zweiten Weltkrieg das sogenannte Alpen-Réduit — im Ernstfall wollte sich das ganze Land ins Hochgebirge zurückziehen, weil dort jeder Pass zur Festungstür wird.

Was die Seher als Verschonung beschreiben, hatte der Schweizer Generalstab als Verteidigungsplan auf Papier.

Aber die Ehrlichkeit gebietet auch hier den Gegenbefund. Eine Münchner Seherin sah ganz Europa besetzt — einschließlich der Schweiz.

Und ein Schweizer Traumseher beschrieb am Neuenburger See eine fast gewalttätig wirkende schwarze Wolke, ausgefallene Radios und Telefonnetze, Luftdruckschwankungen und Schneeregen im Spätsommer —

der Kältesturz zur Unzeit, dasselbe Motiv wie der Septemberschnee des Waldviertlers, tausend Kilometer entfernt.

Die Schweiz ist bei den Sehern also kein Freibrief: Vor dem Krieg liegt sie meist im Windschatten — vor dem Himmel nicht.

Auch hier gilt am Ende dieselbe Regel wie im Ötztal: nicht die Landesgrenze schützt, sondern das Gelände. Wer zwischen Jura und Alpen wohnt, wohnt zwischen zwei Mauern.

Die offene Frage

Legen wir beide Schichten übereinander, bleibt eine einzige Karte: Kalt und gefährdet ist das offene, panzergängige Land im Nordosten — das Waldviertel, der Raum um Wien.

Gefährdet sind die Durchmarschtäler im Süden. Warm und still ist das Hochgebirgsband dazwischen — die Almen über den Tälern, das Salzburger und Tiroler Bergland, und westlich davon die Schweiz hinter ihren zwei Mauern, verschont vom Heer, nicht verschont vom Himmel.

Zwölf Menschen über mehr als ein Jahrhundert — Bäuerinnen, eine Arztfrau, ein Einsiedler, ein Pfarrer, ein Bauer mit selbstgebautem Erdbunker — und ihre Bilder halten sich an Geländelinien, die jeder Generalstabskarte standhalten.

Sie kannten einander nicht. Die meisten konnten keine Militärkarte lesen. Und doch mieden ihre Schreckensbilder das Hochgebirge so zuverlässig, wie ein motorisiertes Heer es meiden würde.

Vielleicht sahen sie Gottes Hand über den Bergen. Vielleicht sahen sie nur, was Landschaft mit Krieg macht. Oder beides ist am Ende dieselbe Antwort auf die eine Frage dieser Reihe: Sahen sie Physik?

Im nächsten Beitrag zoomen wir in genau dieses Gebirge hinein: Tirol — was die Seher über den Krieg in den Alpen sahen, vom Reschenpass bis zur Brücke, die als Zeichen gilt. Die ganze Reihe findest du im Zukunftsschau-Bereich.

Nahes Stillleben: über einer alten Karte des Alpenraums liegt ein warmes Lichtband genau auf dem Gebirgszug, Ränder verl
Nahes Stillleben: über einer alten Karte des Alpenraums liegt ein warmes Lichtband genau auf dem Gebirgszug, Ränder verl

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