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Drei Tage Finsternis: Was wird aus den Tieren?

Die Szene: Ein Satz am Futtertrog

Es ist Abend, die Kühe fressen, es riecht nach Heu und warmem Tier. Mitten in diese Ruhe hinein warnt Sepp Wudy vor einer Finsternis, die kommen soll – jener drei Tage währenden Dunkelheit, die heute als Drei Tage Finsternis durch alle Überlieferungen geht. Den zeitlichen Rahmen dazu setzt Alois Irlmaier, der Brunnenbauer aus Freilassing.

Der Stall im warmen Abendlicht – der Ort, an dem Sepp Wudy seine Warnung aussprach.
Der Stall im warmen Abendlicht – der Ort, an dem Sepp Wudy seine Warnung aussprach.

Finster wird es werden an einem Tag unterm Krieg. Dann bricht ein Hagelschlag aus mit Blitz und Donner und ein Erdbeben schüttelt die Erde. … Nach 72 Stunden ist alles vorbei.

Alois Irlmaier, überliefert

Was die sieben Quellen über die Tiere sagen

Was in diesen 72 Stunden draußen geschieht, beschreibt Sepp Wudy so klar wie kein Zweiter. Der Grandl – das ist der Trog. Was offen stand, ist verdorben. Was gedeckt war oder frisch aus dem Berg kommt, bleibt gut. Für die Tiere heißt das: Die offene Tränke auf der Weide wird zur Falle, während geschöpftes und verschlossenes Wasser hindurchträgt.

Du hast das Essen vor dir und darfst es nicht essen, weil es dein Tod ist, und hast das Wasser im Grandl und darfst es nicht trinken, weil es auch dein Tod ist. Aus dem Osser kommt noch eine Quelle, da kannst du trinken.

Sepp Wudy, Böhmerwald, überliefert
Die offene Tränke auf der Weide – nach der Finsternis wird sie zur Falle.
Die offene Tränke auf der Weide – nach der Finsternis wird sie zur Falle.

Dann folgt der Satz, der diese ganze Überlieferung trägt: Sauf keine Milch, acht Wochen lang. Ein Milchverbot setzt voraus, dass es nach der Finsternis noch Milch gibt – die Kuh lebt, sie hat die drei Tage im Stall, beim Menschen, überstanden. Verboten ist nicht das Tier, verboten ist für eine Zeit, was es von der vergifteten Wiese aufnimmt. Für das Tier an der Seite des Menschen ist das die Antwort der Überlieferung: Es kommt durch.

Der dunkle Strang gehört ehrlich dazu. Eine alte Volkssage, die Kaltenbaumsage, kennt für das Offene draußen keine Gnade.

Alles Volk und Vieh fällt ihr zum Opfer.

Kaltenbaumsage, Volksüberlieferung

Die Hopi in Nordamerika – anderer Kontinent, andere Kultur, derselbe Befund: „Wilde Tiere und Pflanzen verschwinden, und Hungersnöte verschiedenster Arten treten auf.“ Der Waldviertler, einer der detailreichsten Seher überhaupt, beschreibt die Zeit danach so nüchtern, dass es weh tut: Er macht Jagd auf Essbares – und findet vorwiegend Eidechsen. Wo Rehe und Hasen waren, ist wenig übrig. Und eine Gefahr kommt gar nicht vom Himmel: Ein Seher aus dem Stuttgarter Raum sah, wie eigene Soldaten in Zeiten des Mangels bei einem Bauern den Stall aufbrechen und die Hühner stehlen – die größte Bedrohung für das Tier ist im Umbruch auch der hungrige Mensch.

Aus alldem ergibt sich ein Rat, den die Überlieferung selbst nahelegt: die Tiere hereinholen oder im Stall lassen, so wie sich die Menschen ins Haus zurückziehen. Futter und Wasser für drei Tage vorher einbringen, abgedeckt und verschlossen. Die Stalltüren zu, genau wie die Fenster im Haus. Und danach eine Zeitlang misstrauisch bleiben gegenüber allem, was das Tier von draußen aufgenommen hat – acht Wochen, sagt Wudy.

Die Deutung: Sahen sie Physik?

Dann dreht die Überlieferung ins Licht. Adolf Schwär, ein Seher aus dem Schwarzwald, sieht nach dem Umbruch Kühe unterm Joch, wieder für Zugarbeiten eingesetzt – das Tier als Partner des Menschen, wie vor der Technik. Und Johann Peter Knopp vom Rhein, mehr als zweihundert Jahre vor uns, findet dafür ein eigenes Bild.

Nach diesen Tagen wird man eine Kuh an eine goldene Kette binden können.

Johann Peter Knopp von Ehrenberg, überliefert
Nach der Finsternis ist die Kuh das Wertvollste, was ein Hof besitzt.
Nach der Finsternis ist die Kuh das Wertvollste, was ein Hof besitzt.

Die Kuh, kostbarer als Gold: Wer ein Tier durch die dunkle Zeit gebracht hat, besitzt danach das Wertvollste weit und breit – eine Kuh gibt Milch, Kälber und Zugkraft, eine Maschine ohne Strom gibt nichts.

Und Wudys Milchverbot ergibt einen seltsam stimmigen Sinn. 1986, als die Wolke von Tschernobyl über Bayern zog, galt die allererste behördliche Warnung ausgerechnet der frischen Milch: Die Kuh frisst belastetes Gras, der Schadstoff sammelt sich in der Milch – Bioakkumulation nennt die Wissenschaft das heute. Ein Knecht ohne Schulbildung, lange vor der Atomzeit, kannte dieses Wort nicht. Er sagte nur: Sauf keine Milch, acht Wochen lang – eine Größenordnung, in der kurzlebige Belastungen tatsächlich abklingen. Auch das größere Muster – drinnen kommt durch, draußen stirbt – ist physikalisch schlüssig: Wände, Dach und geschlossene Fenster schirmen ab, was auch immer die Luft trägt, für Mensch wie Tier gleichermaßen. Und vielleicht gehört noch ein Gedanke dazu: In Überlieferungen sind Tiere fast immer die ersten, die spüren, wenn etwas kommt – bis heute berichten Menschen vor Erdbeben von unruhigem Vieh und verstummenden Vögeln.

Draußen wird es bitter, das verschweigen die Quellen nicht. Aber das Tier an der Seite des Menschen kommt durch – und wird danach kostbarer sein als je zuvor. Woher wusste ein Knecht am Futtertrog, was Jahrzehnte später in der Milch sein würde? Sahen sie Physik?

Weitere Vorzeichen, den Ablauf und die Schutzgebiete der Drei Tage Finsternis findest du in unserer Zukunftsschau.

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