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Die leeren Städte – 80 Millionen Wohnungen warten (Nach dem Reset – Teil 1)

Eine Stadt, in der niemand das Licht anmacht

Wir reden dieser Tage viel vom Ende – von Krieg, von Krisen, von einer Welt, die aus den Fugen gerät. Aber kaum jemand redet vom Danach. Von der Zeit, die nach dem großen Umbruch kommen soll. Alois Irlmaier, der Seher von Freilassing, hat genau dieses Danach beschrieben: eine lange, glückliche Zeit, in der Land für alle da ist. Und die Kulisse dafür – leere, moderne, intakte Städte – existiert bereits.

Achte in dieser Folge auf ein einziges Wort, das er aufgeschrieben hat: siedeln. Denn genau das, was er beschrieb, steht heute schon gebaut in der Landschaft – nur weiß niemand, für wen. Die nüchterne Frage, um die es hier geht, lautet: Wenn die Häuser schon stehen, bevor die Menschen kommen – wer hat da eigentlich für wen gebaut?

Eine leere moderne Megastadt in der goldenen Stunde – makellos und menschenleer.
Eine leere moderne Megastadt in der goldenen Stunde – makellos und menschenleer.

Was der Seher sah – Raum für die Landlosen

Alois Irlmaier war Brunnenbauer, kein Prophet von Beruf. Er nahm nie Geld für das, was er sah, und behauptete nie, unfehlbar zu sein. Genau das macht ihn glaubwürdig. Seine zuverlässigsten überlieferten Sätze stammen aus Conrad Adlmaiers Sammlung „Blick in die Zukunft“ – und der Satz, um den es heute geht, steht dort in der Auflage von 1955.

„Die landlosen Leut ziehen dahin …“ – Menschen mit einfachem Gepäck ziehen ins offene Land.
„Die landlosen Leut ziehen dahin …“ – Menschen mit einfachem Gepäck ziehen ins offene Land.

Die landlosen Leut ziehen jetzt dahin, wo die Wüste entstanden ist, und jeder kann siedeln, wo er mag, und Land haben, soviel er anbauen kann.

Alois Irlmaier, nach Adlmaier, „Blick in die Zukunft“, Auflage 1955

Hör genau hin, was er nicht sagt. Er sagt nicht: Es wird alles zerstört. Er sagt: Danach ist Raum. Die Landlosen – die, die nichts haben – ziehen dorthin, wo vorher niemand leben konnte, und dürfen bleiben. Jeder siedelt, wo er will. Jeder bekommt so viel Land, wie er bebauen kann. Das ist keine Drohung. Das ist ein Versprechen von Fülle nach der Not.

Die Goldene Zeit ist bei Irlmaier kein Paradies aus Wolken. Sie ist erstaunlich handfest: Land, Wärme, Brot, Frieden. Dinge, die man anfassen kann. „Wer's erlebt, dem geht's gut“, soll er gesagt haben, „der kann sich glücklich preisen.“

Der Abgleich – die Prophezeiung trifft die Zahlen

Jetzt wird es interessant. Denn was Irlmaier als kommende Wohltat beschrieb – Raum im Überfluss, Land für jeden –, das gibt es heute schon. Nicht als Vision. Als Immobilienstatistik.

Das Wirtschaftsmagazin Fortune berichtete im September 2023, Fachleute hielten eine Spanne von 65 bis 80 Millionen leeren Wohneinheiten in China für realistisch. He Keng, früher Vize-Direktor des chinesischen Statistikbüros, sagte öffentlich, selbst „1,4 Milliarden Menschen könnten sie wahrscheinlich nicht füllen“. Ein Report von Goldman Sachs bezifferte die städtische Leerstandsquote im selben Jahr auf rund 20 Prozent. Ich nenne diese Zahlen bewusst als Spannen, nicht als exakte Wahrheit, denn niemand kennt die genaue Ziffer. Aber selbst die vorsichtige Rechnung ergibt: Wohnraum für die gesamte Bevölkerung Deutschlands, fertig, leer, wartend.

Leer, aber intakt: neu gebaute Wohntürme, in denen die Straßenlaternen angehen – doch kein Mensch.
Leer, aber intakt: neu gebaute Wohntürme, in denen die Straßenlaternen angehen – doch kein Mensch.

Und jetzt kommt der Punkt, der dieses Bild vom Kitsch trennt. Diese Städte sind nicht die Ruinenlandschaften, die man erwartet. Kangbashi im Ordos-Gebiet war für über eine Million Menschen geplant und stand jahrelang fast leer – heute leben dort wieder über hunderttausend. Die Zhengdong New Area galt 2013 als Musterbeispiel einer Geisterstadt – zehn Jahre später zählte sie 1,3 Millionen Einwohner. Das ist die eigentliche Nachricht: Diese Orte sind nicht tot. Sie sind leer, aber intakt. Sie füllen sich langsam – als warteten sie auf jemanden, der noch nicht da ist.

Genau hier decken sich der Seher und die Gegenwart. Der eine sprach von Raum, in den die Landlosen ziehen. Die andere zeigt uns diesen Raum – gebaut, verkabelt, beleuchtbar, mit U-Bahn und Wasserleitung. Zwei Beschreibungen desselben Bildes, getrennt durch siebzig Jahre.

Der Winkel – Infrastruktur, gebaut vor ihrer Bestimmung

Hier ist der Gedanke, der nicht loslässt – und ich sage klar dazu: Das ist ein Gedankenexperiment, keine Prognose, keine politische Ansage. Aber es ist ein erlaubter Gedanke.

Normalerweise entsteht eine Stadt, weil Menschen kommen. Erst die Menschen, dann die Häuser. In China ist es umgekehrt gelaufen: Erst die Häuser, dann – vielleicht – die Menschen. Die physische Infrastruktur für Millionen von Neuankömmlingen steht bereits fertig da. Gebaut, bevor irgendjemand weiß, wofür. Wohnungen, Straßen, Leitungen, Nahverkehr – das ganze Nervensystem einer Zivilisation, angelegt für eine Bevölkerung, die noch gar nicht existiert.

Ein einzelner Mensch, winzig vor der schieren Menge ungenutzten Raums.
Ein einzelner Mensch, winzig vor der schieren Menge ungenutzten Raums.

Man muss sich klarmachen, wie selten das ist. Die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte war Wohnraum das Knappe, um das gekämpft wurde. Hier ist er plötzlich im Überschuss – leer, wartend, ohne Nachfrage. Es ist, als hätte die Welt aus Versehen die Bühne für ein Stück gebaut, dessen Darsteller noch nicht gecastet sind.

Und genau an dieser Stelle bleibe ich ehrlich: Das Szenario, europäische Menschen könnten eines Tages in diese leeren Städte ziehen, hat keine politische Grundlage. Chinas Einwanderungspolitik ist hochselektiv, die leeren Städte liegen oft fern der Arbeitsplätze, und niemand plant so etwas. Das ist hier keine Migrationsprognose. Was bleibt, ist etwas Kleineres und Merkwürdigeres: die schlichte Tatsache, dass der Raum, von dem ein Seher vor siebzig Jahren sprach, physisch existiert. Fertig gebaut. Und leer.

Offene Frage – hat die Goldene Zeit schon Fundamente?

Stell dir noch einmal diese Millionenstadt vor, in der niemand das Licht anmacht. Die Straßen sind gefegt, die Leitungen liegen, die Fenster sind ganz. Alles ist bereit. Es fehlt nur eines: die Menschen.

Ein Brunnenbauer aus Bayern hat vor siebzig Jahren aufgeschrieben, dass nach dem großen Umbruch die Landlosen ziehen werden, „wohin sie mögen“, und Land haben, „soviel sie anbauen können“. Er konnte die Türme von Kangbashi nicht kennen. Und doch beschreibt sein Satz haargenau, was heute leer in der Landschaft steht: Raum für alle, bereitgestellt, bevor jemand ihn brauchte.

Ein erstes Licht in der stillen Stadt – und Grün, das zwischen den Häusern wächst.
Ein erstes Licht in der stillen Stadt – und Grün, das zwischen den Häusern wächst.

Vielleicht ist das nur Zufall. Vielleicht ist eine leere Stadt einfach eine leere Stadt, und ein alter Satz einfach ein alter Satz. Aber vielleicht schauen wir gerade auf die Fundamente von etwas, das noch keinen Namen hat.

Die Goldene Zeit – hat sie schon Fundamente? In der nächsten Folge drehen wir das Bild um: Wir schauen nicht auf die leeren Häuser, sondern auf die Menschen, die weniger werden. Denn während der Raum wartet, schrumpft die Weltmacht, die ihn gebaut hat.

„Nach dem Reset – Die Goldene Zeit“ ist eine Reihe über das Danach: belegte Seher-Worte, harte Realdaten, und die Frage, ob beides dasselbe Bild zeigt. Folge der Serie und bleib dran für Teil 2: Die schrumpfende Weltmacht.

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